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25 Jahre Palliativstationen am Marienhospital (Teil 1)

Das Marienhospital eröffnete 1992 eine der ersten deutschen Stationen für unheilbar Kranke

Das Marienhospital Stuttgart war 1992 eine der ersten zwölf deutschen Kliniken, an denen Palliativstationen gegründet wurden. Palliativ bedeutet ummantelnd oder lindernd. Auf den Stationen sollten unheilbar kranke Krebspatienten mit starken Schmerzen, Atemnot, Übelkeit oder Schwindel behandelt werden, um ihre Symptome zu lindern und ihnen so eine menschenwürdige und erfüllte letzte Lebensphase zu ermöglichen.  Auch ihre Angehörigen sollten mitbetreut werden.

Eindrücke einer Patientin: „Sie glauben gar nicht, wie viel wir lachen!“

Patientin Brigitte Treichler (Mitte) war aufgrund einer Krebserkrankung Patientin auf der Palliativstation L5. Hier ist sie mit Stationsleiterin Anja Blattner (links) und der franziskanischen Ordensschwester Alicia Hönig (rechts) zu sehen. Die 73-Jährige hat sich auf der Station trotz ihres Leidens sehr wohl gefühlt.

Interview mit Brigitte Treichler, Patientin auf der Palliativstation L5

Brigitte Treichler

Wie geht es Ihnen als Patientin der Palliativstation?

Brigitte Treichler ist 73 Jahre alt und stammt aus Potsdam. Sie wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg bei Adoptiveltern in Süddeutschland auf. Die Mutter eines erwachsenen Sohnes leitete 20 Jahre lang im Stuttgarter Kaufhaus Breuninger den Shop des Herrenausstatters Boss. 2004 ging sie mit 61 Jahren in Rente, weil sie an Brustkrebs erkrankt war.
    Bei dem Interview Mitte September 2016 für die Patientenzeitschrift „marien“ ist Brigitte Treichler seit zwei Wochen Patientin auf der Palliativstation L5.

marien: Frau Treichler, weshalb werden Sie auf der Palliativstation behandelt?
B. Treichler: Ich habe 2004 Brustkrebs bekommen. Er wurde mit Operation, Chemotherapie und Bestrahlung behandelt. Nachdem der Krebs fünf Jahre lang nicht zurückgekommen ist, sagten mir die Ärzte, ich sei geheilt. Drei Jahre später bekam ich dann aber wieder Brustkrebs. Diesmal schlug die Therapie nicht so gut an, der Krebs ging nie ganz weg. Inzwischen habe ich Metastasen im ganzen Körper.

marien: Wie sind Sie dann auf die Palliativstation gelangt?
B. Treichler: Ich war wegen meiner Brustkrebserkrankung in der Frauenklinik des Marienhospitals in Behandlung. Dort sagte man mir, heilen könne man mich nicht mehr, aber die Symptome könnten auf der Palliativstation gelindert werden.

marien: Welche Symptome waren das denn?
B. Treichler: Vor allem Appetitlosigkeit, die dazu führte, dass ich immer schwächer wurde. Und dann oft Übelkeit, Schwindel und Rückenschmerzen.

marien: Wie war denn Ihre Reaktion, als man Ihnen eine Behandlung auf der Palliativstation anbot?
    B. Treichler: „Jetzt bist du bei den Sterbenden“, war das erste, was ich gedacht habe. Inzwischen weiß ich, dass eine Palliativstation ja keine Sterbestation ist, sondern es ihr Ziel ist, Patienten so zu behandeln, dass sie ohne starke Schmerzen und andere schwerwiegende Probleme wieder nach Hause können.

marien: Wie bekommt Ihnen denn die Behandlung?
B. Treichler: Ich bekomme bei Bedarf Medikamente gegen Übelkeit, Schwindel und Schmerzen, und meine Beschwerden waren schon nach drei Tagen weg. Mein Gallengang war verschlossen, und ich war ganz gelb im Gesicht. Dr. Zoz von der Palliativstation hat veranlasst, dass der Gallengang in der inneren Medizin mit einem kleinen endoskopischen Eingriff wieder aufgedehnt wurde. Mir geht es seither besser, aber ich werde weiter über einen Tropf ernährt und bin so schwach, dass ich kaum alleine gehen kann. In den nächsten Tagen soll ich aber noch eine Chemotherapie bekommen, mit der man Metastasen verkleinern will, die sich in meiner Leber gebildet haben. Die Ärzte sagten mir, dass ich dann vielleicht auch wieder essen mag. Ich hoffe sehr darauf.

marien: Sie strahlen und lachen viel, und man hat den Eindruck, es geht Ihnen seelisch gut.
B. Treichler: Ja, das liegt zum großen Teil am Stationsteam hier. Oberarzt Dr. Zoz habe ich richtig ins Herz geschlossen, aber auch alle anderen Mitarbeiter sind einfach angenehm; ich war überrascht, dass hier so viele junge Leute arbeiten. Ausnahmslos alle hier sind lieb, nie launisch, nie patzig und immer freundlich, und sie erklären einem alles, was gemacht wird, mit großer Geduld. Und dann kommt mich auch mein Sohn jeden Tag nach der Arbeit besuchen. Bei schönem Wetter schiebt er mich im Rollstuhl in den Patientengarten, und Sie glauben gar nicht, wieviel wir gemeinsam lachen.

marien: Und wie soll es nach Ihrem Aufenthalt auf der Palliativstation weitergehen?
B. Treichler: Obwohl ich mich hier wohlfühle, ist niemand gern länger als nötig im Krankenhaus. Mein Sohn will mich bei sich zu Hause aufnehmen, hat auch schon einen Tagesklinikplatz organisiert, denn er ist ja tagsüber berufstätig.

marien: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!

Gegen Übermaß an Schmerzen

Schaut man sich Fotos und Berichte aus den ersten Jahren der Palliativstation des Marienhospitals an, fällt auf, dass auffällig viele Politiker den Patienten und Mitarbeitern der neuen Station Besuche abstatteten. Darunter auch der damalige Bundesgesundheitsminister und heutige bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer. Und auch hohe kirchliche Würdenträger wie die Bischöfe Walter Kasper und Gebhard Fürst waren teils mehrmals zu Besuch auf der Station.
    Heute liegen Horst Seehofer und die großen Kirchen in ihren Ansichten etwa zur Flüchtlingsfrage oder zur Bekämpfung der Armut zwar ziemlich überkreuz. Anfang der Neunzigerjahre waren Palliativstationen aber sowohl für die Kirchen als auch für die CDU/CSU ein wichtiges gemeinsames Ziel. Seit den Achtzigerjahren forderten nämlich immer mehr Bürger, Politiker und Mediziner in Deutschland ein Recht auf „Tötung auf Verlangen“ oder „aktive Sterbehilfe“ im Falle einer unheilbaren schweren Krankheit. Ihr Vorbild waren dabei die Schweiz und die Niederlande, wo seit den Achtzigerjahren über ein Recht zur Tötung auf Verlangen diskutiert wurde, um unheilbar Kranken ein Übermaß an Leiden zu ersparen. 2001 ließen die Niederlande dann tatsächlich als erstes Land der Welt aktive Sterbehilfe zu.

Vorreiter: Das Marienhospital eröffnete eine der ersten Palliativstationen

Wiedererkannt? Der heutige bayrische Ministerpräsident und damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer (2. v. l.) besuchte 1995 die Palliativstation im Marienhospital.
Walter Kardinal Kasper, ehemaliger Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, besichtigte 1998 die Palliativstation und sprach mit Mitarbeitern und Patienten.
Walter Kaspers Nachfolger Bischof Gebhard Fürst (Mitte) bei einem Besuch der Palliativstation im Jahr 2005.

Das Leben sei „von Gott gegeben“

Auch die Kirchen wollten nicht, dass Kranke unnötig leiden müssen. Sie waren aber stets gegen eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe. Ihr Argument: Das Leben sei eine Gabe Gottes, der Mensch dürfe ihm daher nicht selbst ein Ende setzen. Politiker insbesondere der CDU/CSU, aber auch anderer Parteien, gaben zudem zu bedenken, dass der Tötungswunsch ja auch aufgrund einer akuten Depression bestehen könnte oder weil die Angehörigen den Kranken dazu drängten. Und auch vor dem Hintergrund der Euthanasiegesetzgebung der Nazis schien aktive Sterbehilfe vielen weder mit den Grundwerten der Bundesrepublik noch mit denen der christlichen Kirchen vereinbar.
    Die Palliativmedizin war eine Antwort der Kirchen, vieler Politiker und der Mehrzahl der Ärzte auf die Forderung nach aktiver Sterbehilfe. Selbst aus Parteien, in denen es viele Befürworter eines Rechts auf aktive Sterbehilfe gab, kam Zustimmung für die Gründung von Palliativstationen. Denn deren Ziel war es, unheilbar kranken Krebspatienten mit Medikamenten, Operationen, Bestrahlungen und anderen Therapien Schmerzen und körperliches Leiden zu nehmen, um ihnen eine menschenwürdige letzte Lebensphase zu ermöglichen. Auch auf die seelischen Nöte der Sterbenden und ihrer Angehörigen sollte durch speziell geschultes Personal und einen überdurchschnittlichen Personalschlüssel eingegangen werden.
    Das Bundesgesundheitsministerium unterstützte 1992 die Gründung der ersten zwölf deutschen Palliativstationen ideel wie finanziell und initiierte eine zweijährige wissenschaftliche Begleitung des Versuchs Palliativmedizin. Das unter Leitung einer christlichen Ordensgemeinschaft stehende Marienhospital erklärte sich sofort bereit, eine dieser Stationen mit zunächst fünf Betten im Rahmen des Versuchs zu betreiben.

Wohlfühlen: Auf eine wohnliche Atmosphäre wurde stets viel Wert gelegt

Die Palliativstation des Marienhospitals war in der Bevölkerung von Anfang an anerkannt, und in der Folge stieg der Bettenbedarf schnell. Anfangs hatte die Station fünf Betten, heute sind es zwanzig, verteilt auf zwei Stationen. Jede Station verfügt über ein Wohnzimmer (hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1992), das Treffpunkt für Patienten, Angehörige und Mitarbeiter ist.
Ein Patient (2. v. l.) mit seiner Familie im Jahr 2007. Für viele erstaunlich: Auf Palliativstationen kann es auch fröhlich zugehen.

Palliativmedizin wurde ein Erfolg

Wie wir 25 Jahre später wissen, war der „Versuch Palliativmedizin“ erfolgreich. Die Palliativstation des Marienhospitals war in der Bevölkerung von Anfang an anerkannt, und in der Folge stieg der Bettenbedarf schnell. Anfangs hatte die Station fünf Betten, heute sind es zwanzig, verteilt auf zwei Stationen. Und aus den anfangs zwölf deutschen Palliativstationen sind bis heute 304 geworden. Zudem gibt es in Deutschland inzwischen 1500 ambulante Dienste, die heimische Palliativpflege – oft durch spezielle Palliative Care-Pflegekräfte – anbieten.

Experten und Bürger sind uneins

Die Palliativmedizin hat in den letzten 25 Jahren zahlreichen leidenden Patienten und ihren Angehörigen geholfen. Aber hat sie auch in weltanschaulicher Hinsicht erreicht, was sie sollte? Nämlich den Wunsch der Deutschen nach aktiver Sterbehilfe überflüssig zu machen?
    Die Antwort muss jein heißen. Die Palliativmedizin kann den Menschen heute in aller Regel eine menschenwürdige, häufig sogar glückliche und erfüllte letzte Lebensphase ermöglichen. Dadurch sind der Ruf nach aktiver Sterbehilfe und Tötung auf Verlangen in den Medien, unter Gesundheitsexperten, Medizinern und Politikern schwächer geworden als noch in den 90er-Jahren. Auch stellt die deutsche Gesetzgebung aktive Sterbehilfe nach wie vor unter Strafe. Doch in der breiten Bevölkerung findet diese Entwicklung keinen Niederschlag. Ganz im Gegenteil: 2008 sprachen sich 58 Prozent der Deutschen für eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe im Falle einer tödlichen Krankheit aus, 2014 bereits 67 Prozent. Auch unter Katholiken und Protestanten sind jeweils zwei Drittel für die aktive Sterbehilfe.
    Die im Bundestag vertretenen Parteien haben keine einheitliche Meinung in dieser Frage. Daher gilt bei Abstimmungen zum Themenbereich Sterbehilfe in der Regel kein Fraktionszwang.

Kontakt

Palliativstationen

Station L5
(Gebäude St. Luise, Ebene 5)
Telefon: 0711 6489-8168

 

Station L3
(Gebäude St. Luise, Ebene 3)
Telefon: 0711 6489-2674

 

Marienhospital Stuttgart
Eierstraße 56
70199 Stuttgart
palliativ-pflege@vinzenz.de

Information

Faltblatt: Von der Kostbarkeit des Lebens

Alle wichtigen Informationen zur Palliativmedizin am Marienhospital erhalten Sie hier auf einen Blick (PDF-Datei, 438 KB).

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