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Weniger Unfälle, viel mehr brüchige Knochen

Professor Liener spricht im Interview unter anderem über die Zukunft der Unfallchirurgie

Die Wochenzeitschrift Focus hat ihn 2017 als einen der besten deutschen Unfallchirurgen ausgezeichnet. Auf diesen Lorbeeren ausruhen will sich Professor Dr. med. Ulrich Liener aber nicht. Denn er und sein Team planen eine Weiterentwicklung der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie hin in Richtung eines osteologischen Zentrums.

Neues zur Orthopädie und Unfallchirurgie: Interview mit Prof. Dr. Ulrich Liener

Prof. Dr. med. Ulrich Liener ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Marienhospital Stuttgart. Darüber hinaus leitet er die interdisziplinären Einrichtungen Endoprothetikzentrum, Zentrum für Alterstraumatologie und das Wirbelsäulenzentrum im Hause. Im Interview beantwortet er unter anderem Fragen zur Zukunft der Unfallchirurgie.

Ausgezeichnet in der Focus-Bestenliste

marien: Herr Professor Liener, herzlichen Glückwunsch zur Focus-Auszeichnung. Die Konkurrenz in Ihrem Fachgebiet ist ja sehr groß, weil viele Krankenhäuser eine Unfallchirurgie haben. Wie haben Sie es geschafft, in die Liste zu kommen?
    Prof. Liener: Das ist keine Einzelleistung von mir, sondern eine Teamleistung aller Ärzte, Pflegekräfte und Physiotherapeuten unserer Abteilung. Die Focus-Liste basiert zum großen Teil auf Empfehlungen von Patienten und von niedergelassenen Ärzten. Wir sind sicherlich in die Liste gekommen, weil wir einerseits ein breites Spektrum fast aller unfallchirurgischer Behandlungsverfahren anbieten und gleichzeitig auf manche Gebiete besonders spezialisiert sind. Es freut uns, dass das Focus-Urteil zeigt, dass wohl fast alle Patienten mit uns fachlich wie menschlich zufrieden sind.

Spezialgebiete der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie

marien: Auf welche Gebiete ist Ihre Klinik besonders spezialisiert?
    Prof. Liener: Unter anderem auf die Behandlung auch sehr komplizierter Brüche der oberen Extremitäten, also der Schulter oder Ellbogen. Wir behandeln rund 600 solcher Brüche im Jahr. Außerdem sind wir spezialisiert auf die Behandlung betagter Patienten. Wir sind die einzige unfallchirurgische Klinik in Baden-Württemberg, bei der mit Dr. Kerstin Peters eine Altersmedizinerin fest zum ärztlichen Team gehört. Wer im Alter stolpert und sich einen Knochen bricht, dem ist ja nicht damit geholfen, dass man nur den Knochen wieder funktionstüchtig bekommt. Hingegen man muss verhindern, dass der Patient kurze Zeit später wieder stolpert und sich erneut etwas bricht; zum Beispiel, weil er osteoporotische, brüchige Knochen hat und an mehreren Begleiterkrankungen, einer Gangstörung oder Sturzneigung leidet.   

Gründung eines „Knochenzentrums“ geplant

marien: Stichwort Knochen. Sie und Ihr Team wollen sich nicht auf den Focus-Lorbeeren ausruhen, sondern planen ein Knochenzentrum, das 2018 eröffnen soll.
Prof. Liener: Ja, wir wollen das Marienhospital zu einem interdisziplinären osteologischen Zentrum machen. Osteologie ist die Lehre von den Knochen.

marien: Und warum ein Knochenzentrum?
    Prof. Liener: Knochenkrankheiten wie Osteoporose, also altersbedingter Knochenschwund, werden in Deutschland bisher unterschätzt. Knochen sind ja kein totes Gewebe. Innerhalb von zwei Jahren wird das gesamte Skelett ab- und wieder aufgebaut. Die Knochen beinhalten einen großen Teil des Immunsystems und blutbildende Zellen. Zudem sind sie und die Muskeln quasi eine Einheit. Tumore machen sich oft frühzeitig durch bösartige Zellansammlungen in den Knochen bemerkbar. Beim Brustkrebs etwa schlafen Tumorzellen manchmal jahrelang im Knochen, wachen irgendwann auf und verursachen wieder Krebs. Wenn Brust- oder Prostatakrebs mit Hormonentzug behandelt werden, entsteht häufig Osteoporose, also Knochenschwund, der brüchige Knochen nach sich zieht.
    Diese vielen Einzelbeispiele zeigen alle eines: Nämlich dass eine Knochenkrankheit ganz andere Krankheiten bedingen kann und dass umgekehrt viele Krankheiten Auswirkungen auf die Knochen haben. Unser neues Zentrum will in enger Zusammenarbeit mit den anderen Fachkliniken unseres Hauses diese Zusammenhänge bei jedem betroffenen Patienten aufdecken, damit er wirklich die beste Behandlung erhält und man nicht nur Symptome wie etwa einen gebrochenen Knochen kuriert.

Osteoporose – eine oft unterschätzte Erkrankung

marien: Sie sagen, Osteoporose werde bei uns unterschätzt. Was hat es mit der Krankheit auf sich?
    Prof. Liener: Wenn die Knochenmasse zurückgeht, kommt es schon bei leichten Stürzen zu Brüchen etwa der Extremitäten oder der Wirbel. Bei Frauen ist die Erkrankung am häufigsten, aber auch Männer können Osteoporose bekommen. In Deutschland erleiden jährlich rund 700.000 Patienten einen osteoporotischen Knochenbruch. Das sind mehr als alle Schlaganfall- und Herzinfarktpatienten zusammen.

marien: Kann man etwas tun, um keine Osteoporose zu bekommen?   
    Prof. Liener: Ausgewogene Ernährung, Nikotinverzicht, Kaffee und Alkohol nur in Maßen und viel Bewegung: Das sind die Maßnahmen, die generell gut für ein gesundes Leben sind. Bei Osteoporose kommt noch hinzu, dass Vitamin D-Mangel sie begünstigt. Vitamin D wird nur gebildet, wenn wir uns in der Sonne aufhalten. In Stuttgart haben 80 Prozent der Bevölkerung Vitamin D-Mangel. Stellt der Hausarzt das durch eine Blutuntersuchung fest, sollte man den Mangel durch Vitamintabletten ausgleichen.

marien: Sind ausgedehnte Sonnenbäder keine Alternative?
    Prof. Liener: Im Prinzip schon, aber das funktioniert nur an sonnigen Tagen. Und wer es übertreibt, erhöht sein Hautkrebsrisiko.

Kompetente Mitarbeiter und spezialisierte Ausstattung

marien: Benötigen Sie für das osteologische Zentrum speziell ausgebildete Mitarbeiter und spezielle medizinische Großgeräte?
    Prof. Liener: Ausgebildete Mitarbeiter haben wir bereits. Wir führen ja jetzt schon alle 14 Tage nach Voranmeldung eine Knochensprechstunde durch, die von Sofia Kieninger verwaltet wird, einer auf Knochenerkrankungen spezialisierten Pflegekraft. Ich selbst habe in den letzten Monaten eine Weiterbildung zum Osteologen abgeschlossen, für die man unter anderem nachweisen muss, dass man eine sehr große Anzahl von Patienten mit Osteoporose und mit Knochenbrüchen behandelt hat.
    Wir haben Glück, dass die Eva Mayr-Stihl Stiftung auf uns aufmerksam geworden ist und unser geplantes Zentrum als Leuchtturmprojekt betrachtet, das sie fördern möchte. Die Stiftung spendet uns ein hochmodernes Knochendichtemessgerät, das noch in diesem Jahr übergeben werden soll. Damit können wir Knochenschwund schon im Frühstadium feststellen und mit Medikamenten und einer Umstellung der Lebensweise des Patienten oder der Patientin gegensteuern.

Blick in die Zukunft

marien: Wagen Sie einen Blick in die Zukunft? Mit welchen Erkrankungen wird Ihr Fachgebiet in den nächsten 15 Jahren verstärkt zu tun haben, und gibt es auch welche, die aussterben?
    Prof. Liener: Schwere Verkehrs- und Arbeitsunfälle werden weiter zurückgehen, weil es große Fortschritte bei Sicherheitstechnik und -richtlinien gibt. Aktuell leiden 8 Millionen Deutsche an Osteoporose. Die Zahl wird epidemiehaft steigen und damit auch die der Knochenbrüche im Alter. Denn die große Generation der Babyboomer ist in 15 Jahren um die siebzig und wird immer anfälliger für diese Erkrankung.

marien: Vielen Dank für das Gespräch!

Kontakt

Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie

Marienhospital Stuttgart
Böheimstraße 37
70199 Stuttgart
Sekretariat
Telefon: 0711 6489-2203
Telefax: 0711 6489-2227
unfallchirurgie@vinzenz.de

Information

Faltblatt: Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie

Alle wichtigen Informationen rund um die Klinik erhalten Sie hier auf einen Blick (PDF-Datei, 313 KB).

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