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Wenn das Baby lieber schläft als trinkt ...

Interview mit der Still- und Laktationsberaterin Maren Albrecht

Maren Albrecht ist Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin. Seit 2010 ist sie auf der Neugeborenenstation des Marienhospitals Stuttgart tätig. 2015 beendete sie zudem eine einjährige berufsbegleitende Weiterbildung zur Still- und Laktationsberaterin (Laktation = Milchfluss). Seither berät sie Frauen auf der Neugeborenenstation M4ab zu allen Fragen rund ums Stillen. Im Interview der Patientenzeitschrift „marien“ gibt sie darüber Auskunft.

Expertin zum Thema Stillen: Still- und Laktationsberaterin Maren Albrecht

Maren Albrecht ist Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin sowie Still- und Laktationsberaterin im Marienhospital Stuttgart. Auf der Mutter-Kind-Station berät sie unter anderem Frauen zu allen Fragen rund ums Stillen. An dem 32-seitigen Elternratgeber „Geboren im Marienhospital Stuttgart – Informationen für die ersten Tage mit Ihrem Kind“ war sie zudem als Koautorin beteiligt.

Macht Gestilltwerden intelligent?

marien: Stillen gilt fast als eine Art Allheilmittel. Es soll Kinder vor Infektionen, Diabetes und Übergewicht schützen und sie sogar intelligenter machen. Aber stimmt das alles?
    Maren Albrecht: Fest steht, dass eine enge körperliche Bindung zwischen Mutter und Baby für die seelische und körperliche Entwicklung des Kindes sehr wichtig ist, und beim Stillen ist diese Bindung perfekt gegeben. Große Studien zeigen, dass das Risiko, später an Infektionen, Diabetes oder Übergewicht zu leiden, bei gestillten Kindern etwas geringer ist. Umgekehrt lässt das aber nicht den Schluss zu, dass die Mehrheit der nicht gestillten Kinder später diese Krankheiten bekommt. Man sollte Frauen, die nicht stillen können oder wollen also kein schlechtes Gewissen machen.
    Die höhere Intelligenz gestillter Kinder führen manche Forscher weniger auf die Muttermilch selbst zurück als darauf, dass intelligente Frauen ihre Babys im Schnitt angeblich häufiger und länger stillen. Dass die Babys intelligenter werden, liegt also nicht unbedingt an der Milch, sondern eventuell an den Genen der Mutter.

Schadstoffe in der Muttermilch?

marien: Gegner des Stillens behaupten, die Muttermilch sei schadstoffbelastet und die Schadstoffe würden sich aufs Baby übertragen. Außerdem schade das Stillen der Elastizität der Brust.
    Maren Albrecht: Die positiven Effekte des Stillens wiegen die Schadstoffbelastung auf, zumal ja auch die alternative Kost, die man statt Muttermilch anbietet, Schadstoffe enthält. Die Brust büßt auch ohne Stillen durch die Schwangerschaft an Elastizität ein. Sie wird aber danach meist auch wieder straffer.   

Wenn Frauen nicht stillen wollen

marien: Warum wollen manche Frauen nicht stillen, und wie reagieren Sie dann als Stillberaterin?
Maren Albrecht: Wenn eine Frau ihr drittes Kind bekommt und sie bei den beiden ersten Kindern das Stillen nach kurzer Zeit wegen schmerzhafter Brustentzündungen einstellen musste, sollte man akzeptieren, wenn sie es nicht noch einmal versuchen möchte. Für manche Frauen steht ihre Brust vor allem für Erotik, und sie haben einen inneren Widerwillen gegen das Stillen, den man ebenfalls akzeptieren sollte.
    Anders sieht es bei Frauen aus, die gern stillen wollen, aber ganz verzagt sind und meinen, bei ihnen klappt das nicht; etwa weil sie in den ersten Tagen nach der Geburt zu wenig Milch haben und das Baby nicht satt wird. Diesen Frauen können wir ebenso helfen wie Müttern, die einige Tage nach der Geburt ein recht häufiges vorübergehendes psychisches Tief erleben und in dieser Verfassung nicht mehr stillen mögen.

Zu wenig Milch für mein Baby?

marien: Was raten Sie Frauen mit zu schwachem Milchfluss?
    Maren Albrecht: Ich rate ihnen, ihr Kind möglichst oft anzulegen. Falls das Kind in einer lebhaften Umgebung nicht die nötige Entspannung findet, sollten die Frauen es in Ruhe, vielleicht sogar im Bett liegend, anlegen. Der Milchfluss nimmt zu, je mehr und je häufiger das Baby zu trinken versucht.

Nicht stillen können

marien: Gibt es auch Frauen, die wirklich nicht stillen können?
    Maren Albrecht: Ja, zum Beispiel Frauen, deren Brüste wegen einer Krebserkrankung komplett entfernt werden mussten. Früher konnten Frauen manchmal auch nach einer ästhetischen Brustoperation nicht mehr stillen. Aber fast alle plastischen Chirurgen operieren heute bei Brustvergrößerungen und -verkleinerungen jüngere Frauen so, dass die Milchdrüsen und somit die Stillfähigkeit erhalten bleiben.
     Es gibt leider auch Fälle, in denen zu großer Druck von außen das Stillen erschwert oder unmöglich macht. Etwa wenn Mutter oder Schwiegermutter fordern: „Ich habe gestillt, dann sieh mal zu, dass du das auch schaffst.“ Das kann ein Satz sein, durch den Frauen so verkrampfen, dass es tatsächlich mit dem Stillen schwierig wird.

Stillen und Medikamente

marien: Dürfen Frauen stillen, die Medikamente nehmen müssen?    
    Maren Albrecht: Es gibt aus fast jeder Medikamentengruppe solche, die dem gestillten Kind nicht schaden. Eine Übersicht gibt es unter www.embryotox.de. Auch Schwangere können sich dort informieren, welche Mittel für ungeborene Babys schädlich sind und welche nicht.

Baby schläft statt zu trinken

marien: Manchmal schläft das Baby an Mamas Brust lieber ein als zu trinken. Wenn das häufiger passiert, machen sich die Eltern Sorgen, weil das Kind nicht zunimmt. Was kann man tun, wenn das Baby sich zu wenig aus der Milch seiner Mutter macht?
    Maren Albrecht: Wenn Babys beim Stillen immer wieder einschlafen, liegt das oft daran, dass durch unzureichendes Saugen der Milchspendereflex nicht ausgelöst wird; zum Beispiel, weil das Baby den Warzenvorhof nicht ganz mit dem Mund umschließt. Aus Frust über die nur spärlich fließende Milch und weil das Saugen ja trotzdem Energie kostet, schläft das Baby ein. Eine veränderte Stillposition kann hier oft Abhilfe bringen.
    Wenn das Baby die Brustwarzen nicht richtig mit dem Mund umfasst, können diese auch wund werden und schmerzen. Dagegen helfen spezielle Salben und die sogenannten Wiener Brust Donuts. Das sind ringförmige Gebilde aus Verbandmull, die Frauen sich um die Brustwarzen legen, damit BH oder Kleidung nicht zusätzlich scheuert. Die Donuts kann jede Frau aus Verbandsmaterial selbst herstellen. Anleitungen findet man im Internet, wenn man nach Wiener Brust Donuts googelt.

Ansteckende Erkrankungen

marien: Sollte eine Frau ihr Baby auch dann stillen, wenn sie gerade selbst an einer ansteckenden Krankheit wie einer Erkältung oder einem Darminfekt leidet?
    Maren Albrecht: Ja, unbedingt. Der Körper der Mutter bildet nämlich Antikörper gegen die Erkrankung, und die nimmt das Kind dann mit der Muttermilch auf. Einer der wichtigsten Vorteile des Stillens ist ja, dass das Kind durch die Antikörper in der Muttermilch gegen fast alle Krankheiten immunisiert wird, welche die Mutter in den letzten Monaten oder Jahren hatte. Eine Garantie, dass sich das Kind nicht ansteckt, gibt es nicht, aber das Ansteckungsrisiko wird durch das Stillen zumindest verringert.

Wie lange stillen?

marien: Wie lange sollte eine Frau idealerweise stillen, um beispielsweise diese Immunität an ihr Baby weiterzugeben?
    Maren Albrecht: Optimal ist es, wenn ein Baby mindestens sechs Monate nur Muttermilch bekommt, bevor andere Dinge zugefüttert werden. Manche Frauen stillen zwei oder drei Jahre. Über die maximale Stilldauer muss jede Frau selbst entscheiden.
    marien: Danke für das Gespräch!

Kontakt

Mutter-Kind-Station

Marienhospital Stuttgart
Böheimstraße 37
70199 Stuttgart
Stationsleitung: Manuela Pagano-Keil
Telefon: 0711 6489-2390
Weitere Informationen

Einladung ins Stillcafé

Mütter, die weitere Fragen zum Thema Stillen haben, sind gemeinsam mit ihrem Baby in das von Maren Albrecht geleitete Stillcafé eingeladen.

  • Termin: zweimal im Monat immer donnerstags (außer August)
  • nächste Termine: 7.9., 21.9.
  • Uhrzeit: 10.00–11.30 Uhr
  • Ort: Gebäude St. Veronika, Ebene V6, Zimmer 634
  • Anmeldung: nicht erforderlich

Informationen

Broschüre: Geboren im Marienhospital Stuttgart

In der 32-seitigen Broschüre erhalten Sie alle wichtigen Informationen für die ersten Tage mit Ihrem Kind (PDF-Datei, 3,2 MB).

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