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„Bringt den Duft des Evangeliums in Euer Leben!“

Gleich von zwei wichtigen Persönlichkeiten der Kirchengeschichte hatte das Marienhospital Stuttgart vor kurzem Besuch: Martin Luther und Franz von Assisi. Denn die Jahreszeit ist wie für die Ökumene geschaffen: Am 4. Oktober feiert die katholische Kirche einen ihrer größten Heiligen Franz von Assisi; am 31. Oktober begeht die evangelische Kirche das Reformationsfest und erinnert sich – in diesem Jahr ganz besonders – an Martin Luther.
    Grund genug, einen Sonntagsgottesdienst unter der Überschrift „Umbau und Erneuerung der Kirche“ zu feiern, der am zweiten Oktobersonntag in der Hauskapelle stattfand.

Anregender Disput in der Hauskapelle: Franz von Assisi und Martin Luther

Im Marienhospital Stuttgart trafen zwei prägende Personen der Kirchengeschichte bei einem Gottesdienst aufeinander: Franz von Assisi (links) und Martin Luther, dargestellt von zwei Oberärzten des Hauses. Moderiert vom katholischen Seelsorger und Pfarrer Dr. Wolfgang Raible (im Hintergrund zu sehen) führten der Wanderprediger und der Theologieprofessor ein fiktives Streitgespräch.

Dr. Ulrich Hay, Oberarzt der HNO-Klinik im Hause, schlüpfte in die Rolle des Franz von Assisi und Dr. Joachim Köhler, Oberarzt der Klinik für Allgemeinchirurgie, verkörperte Martin Luther. Beide lieferten sich in historischen Kostümen einen packenden Disput und gaben Gottesdienstbesuchern noch einige Anregungen für das Christsein heute mit auf dem Weg. Moderiert wurde das Gespräch von Pfarrer Dr. Wolfgang Raible. Im Folgenden finden Sie das „Streitgespräch“ der beiden Kirchenmänner zum Nachlesen.

Moderator: Der Monat Oktober ist für die Ökumene wie geschaffen – eingerahmt von zwei wichtigen Gedenktagen: Was liegt näher – habe ich gedacht – als die beiden zu uns einzuladen und sie einmal persönlich kennenzulernen. Ich lasse mich überraschen, was Franz und Martin Luther einander zu sagen haben. Vielleicht entdecken sie ja selbst ganz neue Seiten an sich, wenn sie zusammentreffen, und vielleicht möchten sie uns auch ein paar Anregungen für unser Christsein heute mitgeben … 

Luther: Was fällt Ihnen ein, mich zusammen mit diesem Franziskus hierherzuholen? Ich ärgere mich schon lange, dass seine Anhänger ihn verehren wie den zweiten Christus.  

Franziskus: Da wäre ich an deiner Stelle ganz vorsichtig, lieber Bruder Martin. Deine Fans haben dich inzwischen doch auch längst zum Heiligen gemacht und auf einen hohen Sockel gestellt.  

Moderator: Das war ja schon ein ganz munterer Auftakt, meine Herren. Aber lassen Sie sich doch zuerst einmal herzlich begrüßen in unserer Runde. – Vielleicht können wir zum Einstieg in unser Gespräch einfach ganz entspannt das anschauen, was Sie beide verbindet.

Luther: Da bin ich aber gespannt, was das sein sollte.

Franziskus: Es fängt ja schon damit an, dass die Leute uns beide gar nicht unter unseren richtigen Namen kennen. Ich wurde auf den Namen Giovanni getauft, aber weil mein Vater bei meiner Geburt gerade in Frankreich auf Geschäftsreise war, hat er mich bei seiner Rückkehr einfach Francesco genannt, den „Französischen“. Deine Namensänderung ist aber viel abenteuerlicher.

Luther: Was du so alles über mich weißt! Aber es stimmt: Eigentlich heiße ich Luder, aber als Theologieprofessor in Wittenberg habe ich viel über die Freiheit nachgedacht und geschrieben. Das griechische Wort für „frei“ heißt „eleutheros“, also mit mit „th“. Luther mit „th“ geschrieben klingt ein bisschen ähnlich, finde ich. So habe ich immer einen Hauch von Freiheit gespürt, wenn ich seither mit „Luther“ unterschrieben habe.

Moderator: Ich bin sicher, viele von uns hören das zum ersten Mal. Dass Sie beide große Probleme mit ihren Vätern hatten, hat sich inzwischen herumgesprochen. Möchten Sie uns etwas darüber erzählen?  

Franziskus: Mein Vater war ein wohlhabender Tuchhändler, und ich hätte selbstverständlich sein Geschäft übernehmen sollen. Aber die Begegnung mit einem Aussätzigen traf mich wie ein Blitz. Mir war sofort klar, dass ich einen anderen Weg gehen musste. Mein Vater hat mich für verrückt erklärt, verprügelt, eingesperrt und enterbt. Dass ich mich dann auf einem belebten Platz unserer Heimatstadt Assisi öffentlich von ihm losgesagt und ihm meine Kleider zurückgegeben habe, ist in die Geschichtsbücher eingegangen.

Luther: Mich hätte beinahe ein richtiger Blitz getroffen, jedenfalls hat er mich zu Boden geworfen, und ich habe versprochen ins Kloster einzutreten, wenn ich aus diesem Gewitter gerettet werde. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie mein Vater getobt hat, als ich ihn vor vollendete Tatsachen gestellt habe und tatsächlich Augustinermönch geworden bin. Er hat mich schon als bedeutenden Juristen gesehen.

Moderator: Vielleicht waren diese Erfahrungen ja mit ausschlaggebend, dass Sie beide später auch gegen Widerstände ihre Ansichten vertreten und für ihre Ideale kämpfen konnten. Und dass Sie das Thema Freiheit Ihr ganzes Leben lang nie losgelassen hat. Darauf werden wir später bestimmt noch zurückkommen. Wenigstens erwähnen möchte ich, dass Sie auch die Freude an der Musik miteinander teilen. Sie, lieber Franz, haben sich als Troubadour, als fahrenden Sänger verstanden, der die Melodie Gottes in die Welt hineinspielt. Und Sie, lieber Martin Luther, sind schon als Kind singend von Haus zu Haus gezogen, und Sie haben später viele Lieder gedichtet und komponiert, um mit Ihren Gedanken die Herzen der Menschen zu erreichen. Aber die wichtigsten Gemeinsamkeiten haben wir noch gar nicht angesprochen.

Franziskus: Wahrscheinlich denken Sie jetzt an unser Ringen um unseren Glaubensweg, an unsere Suche nach Gott. Monatelang habe ich mich mit meinen Sinnfragen in den Wäldern von Assisi herumgetrieben, bis ich meine Armut vor Gott erkannt und entdeckt habe, dass er mir in Jesus den Weg zum wahren Leben eröffnet.

Luther: Mich hat die Frage umgetrieben: „Wer bin ich in den Augen Gottes?“ – Und als mir endlich aufgegangen ist, dass wir keinen strafenden, sondern einen gnädigen und barmherzigen Gott haben, war das für mich eine Befreiung aus meinen Ängsten.

Franziskus: Und was uns, lieber Bruder Martin, wohl am meisten verbindet: Wir haben beide an unserer Kirche gelitten, und wir wollten sie – jeder auf seine Weise – erneuern und wieder auf den Weg des Evangeliums bringen. Mein Berufungserlebnis erzähle ich immer wieder gern: Im verfallenen Kirchlein San Damiano glaubte ich die Stimme des Gekreuzigten zu hören: „Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf. Du siehst ja, dass es ganz und gar verfällt.“ Zuerst habe ich tatsächlich einige baufällige Kirchen in der Gegend von Assisi renoviert, bis mir plötzlich klar wurde: Mein Auftrag ist viel größer. Ich soll meine Kirche wieder mit Leben erfüllen – meine Kirche, die an ihrem Reichtum und an ihrer Arroganz zugrunde geht, und die sich weit von der Botschaft Jesu entfernt hat.

Luther: Das ist ja fast schon beängstigend, wie nah wir mit unseren Anliegen beieinander sind. Mir hat der unsägliche Ablasshandel die Augen dafür geöffnet, dass unsere Kirche nicht mehr die Kirche Jesu Christi ist. Es kann doch nicht sein, dass man sich mit ein bisschen Geld von seinen Sünden befreit. Das hat doch mit echter Umkehr nichts zu tun. Und es kann doch nicht sein, dass der Papst mit diesem Geld einen prachtvollen Dom errichtet und in Saus und Braus lebt. Gegen dieses oberflächliche und unwürdige Treiben habe ich mit 95 Thesen protestiert. Mein Freund Melanchthon hat dann die Legende in die Welt gesetzt, ich hätte diese Thesen am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt. Leider haben alle Dispute und Gespräche über meine Vorschläge den Papst und die Kurie nicht überzeugt. Und ich war am Ende meines Lebens sehr traurig, dass ich nicht mithelfen konnte, die eine Kirche zu erneuern, sondern dass sich nun zwei Kirchen feindlich gegenüberstanden.

Moderator: Leider müssen wir unser interessantes Gespräch schon beenden. Aber ich möchte Sie nicht in die Vergangenheit entlassen, ohne Sie um einige Impulse für uns Christen heute zu bitten. Was möchten Sie uns denn besonders ans Herz legen?

Franziskus: Orientiert euch am Evangelium! Das wäre meine erste Bitte. Sicher ist es nicht jedermanns Sache, die Armut so radikal zu leben wie meine Mitbrüder und ich – aber sich immer wieder fragen, wie Jesus in dieser oder jener Situation reden, entscheiden oder handeln würde, das könnte eurem Christsein ein klares Profil geben. Lieber Bruder Martin, du hast das einmal genial ausgedrückt: „Die Bibel ist wie ein Kräutlein, je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.“ Also: Bringt den Duft des Evangeliums in euer Leben!

Luther: Bewahrt euch die Freiheit eines Christenmenschen! Dass wir nicht Duckmäuser und Angsthasen sein müssen, sondern als erlöste, als befreite Menschen leben dürfen – das ist mir aufgegangen, und das hat mein Leben geprägt. Wir haben einen Gott, der uns die Freiheit schenkt, um uns zu entfalten und unsere Talente zum Wohl aller einzusetzen. Also: Geht aufrecht euren Weg! Lasst euch von Zwängen und Schuldgefühlen nicht zu Boden drücken!

Franziskus: Vergesst nicht, dass Unbekümmertheit und Freude auch zu unserem Glauben gehören. Ich möchte nicht, dass meine Brüder mit düsteren Gesichtern durch die Gegend laufen. Was ich mir damals von meinen Gefährten gewünscht habe, das erhoffe ich mir auch von euch. Also: Seid fröhlich, spielt und singt – denn „Musik ist das beste Labsal eines betrübten Menschen“, sagt mein Kollege.

Luther: Noch eine letzte Bitte: Helft mit, dass die Kirche sich immer erneuert! Sich einen kritischen Blick auf alles bewahren, was in den christlichen Kirchen, Gemeinden und Gemeinschaften geschieht; verändern, was nicht dem Geist Jesu, der Vorstellung Jesu von einem erfüllten Leben entspricht. Das verhindert, dass wir uns krampfhaft an die Vergangenheit klammern und die heutigen Bedürfnisse und Fragen aus den Augen verlieren. Also: Bleibt auf der Suche! Christsein heißt immer Christ werden!

Moderator: Sie, lieber Martin Luther, sind bekannt für ihre markigen Sprüche. Mit einem möchte ich unsere spannende Runde beenden: „Tritt fest auf! Mach’s Maul auf! Hör bald auf!“ Genau das Letztere möchte ich jetzt tun und mich ganz herzlich bei Ihnen beiden bedanken.

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